Eddystory


Zahnfee

Eddy und die Zahnfee

Seit über 20 Jahren gibt es JE Computer und seit über 18 Jahren begleitet uns auch Eddy als treues Maskottchen. Aber Zeiten ändern sich und die Menschen werden bequem. Sich in den Verkehr zu stürzen, um etwas für den Computer zu kaufen, erscheint vielen als absurd in Zeiten des Internets. Viele vergessen dabei aber die sozialen Kontakte, die netten Gespräche mit den Freaks und die umfangreiche Beratung. Die Zeiten sind hektisch, keiner hat mehr Zeit, alles muss innerhalb kürzester Zeit erledigt werden. Und oft kommt man erst sehr spät am Abend dazu, sich um seine eigenen Angelegenheiten zu kümmern und dann werden schnell online Produkte bestellt, die man unter Umständen überhaupt nicht benötigt – aber immerhin kann man sie ja innerhalb von zwei Wochen kostenfrei zurückschicken. Eigentlich ein unnötiger Aufwand für den Käufer und schlecht für den Fachhandel.

Aber wir wollen nicht jammern, die Welt dreht sich nun mal weiter und alles ist im Fluss. Auch Eddy bekommt das zu spüren und leidet darunter, dass die Aufträge, die er von JE Computer erhält, deutlich abgenommen haben. Oft sitzt er mit vielen Fragezeichen vor der JE Special, schaut mich traurig an und fragt dann leise „Mögen die Menschen keine Glühbirnen mehr?“. Ich tröste ihn dann immer so gut es geht und erkläre ihm, dass man immer erst später weiß, dass die gute alte Zeit im Prinzip nicht so lange her ist, man es damals aber nicht gespürt hat, dass man gerade in der guten alten Zeit verweilt. Wie dem auch sei, es ist nun mal so, dass sich jeder um sich selbst kümmern muss. Das Leben ist kein Ponyhof und für Eddy, seit einigen Monaten volljährig, ist es eine wichtige Lektion auf dem Weg zur erwachsenen Glühbirne. Zum Glück ist Eddy, und das ist eine der wenigen positiven Eigenschaften dieser Chaos-Glühbirne, nie lange depressiv. Kurz ist er frustriert, nur um sich wenig später voller Tatendrang neuen Aufgaben zu widmen.

Eines Tages schüttelte er mich aus meinem wohlverdienten und dringend notwendigen Schönheitsschlaf und fuchtelte wild mit der Tageszeitung vor meiner Nase herum. Ich bin froh, dass Eddy sehr altmodisch ist, ansonsten hätte er mich wahrscheinlich mit einem Tablet erschlagen. Ich rieb mir den Schlaf aus den Augen, was in meinem Alter schon etwas länger dauern kann. Aber bevor ich mich nicht meines gesamten Schlafs entledige, kann ich nur sehr eingeschränkt sehen. Allerdings war die Möglichkeit der Sichtung, durch das nervige Zeitungsfuchteln, de facto sowieso nicht gegeben. War auch nicht notwendig, denn Eddy schrie wie ein brunftiger Hirsch durch den Äther „Ich werde Zahnfee. ICH werde Zahnfee“. Ich rieb mir meine Ohren und fragte mich, wieso der Schlaf nicht auch die Ohren befällt. Es hätte in diesem Augenblick den entscheidenden Vorteil gehabt, dass mein Hörvermögen analog zum Augapfel ebenfalls noch im Standby-Modus gewesen wäre.

„Du willst was?“, fragte ich etwas ungläubig und auch der Schlaf sprang vor Schreck zurück in meine Pupille. „Du willst Zahnfee werden?“, fragte ich erneut ungläubig. „Genau!“, gab es als kurze knappe Antwort zurück. Danach zeigte mir Eddy hektisch die Anzeige bei der eine Zahnfee Technologies Incorporation für DACH eine neue Zahnfee sucht. Meinen Einwand, dass diese Anzeige nicht gerade seriös klingt, ließ Eddy nicht gelten. Er war im Zahnfee-Wahn und der Meinung, dass er für diesen Job prädestiniert ist. So verbrachte er die nächsten Tage in seinem kleinen Arbeitszimmer, um seine Bewerbung und seinen Lebenslauf fertigzustellen. Alle dreißig Minuten kam er dann schwitzend aus seiner Dampfsauna und stellte mir Fragen zu seinem bisherigen Werdegang. „Was war noch mal meine Funktion bei diesem Event?“, „Hatte ich bei der JE Pokertour noch eine andere Aufgabe, außer blöd in der Gegend herumzulaufen?“, „Wie oft hast Du mich fotografiert und von wem kamen die verschiedenen Kostüme“, „Hattest Du jemals den Gedanken eine andere Glühbirne als Maskottchen zu engagieren?“. Es ging endlos mit diesen Fragen weiter und nach drei Tagen kam Eddy durchgeschwitzt aber glücklich aus dem Zimmer und verkündete stolz „Alles fertig!“. Er war fertig, stimmt, ich allerdings noch lange nicht. Ich musste 35 Zwischenzeugnisse, 23 Empfehlungen, 15 Event-Bestätigungen und ein Arbeitszeugnis unterschreiben. Natürlich hatte Eddy alles penibel vorbereitet und auf meinen Einwand, dass er teilweise etwas dick aufgetragen hatte, erntete ich nur hochrotes Licht mit einem tiefen Grollen. Natürlich unterschrieb ich. Seine endgültige Bewerbung hatte den Umfang einer Steuererklärung eines mittelständigen Unternehmens. Für mich war das ein bisschen zu viel des Guten, aber es war ja schließlich Eddys Bewerbung.

Dann hatte er den Job. Unglaublich aber wahr, er war jetzt offiziell Zahnfee Manager DACH. Aber ab da gingen die eigentlichen Probleme erst richtig los. Als Eddy die Zusage erhielt, fragte er mich etwas schüchtern „Was bedeutet eigentlich DACH?“. Er war der Meinung, dass damit die Art und Weise gemeint war, wie er unbemerkt zu den Kindern kommen könnte, um ihnen als Gegenleistung für ihren Zahn, ein kleines Präsent unter das Kopfkissen zu legen. Er dachte in seiner glühbirnenhaften Naivität, dass er halt übers Dach klettern müsse. Ich klärte ihn auf, dass DACH die Abkürzung für die Region Deutschland, Österreich und der Schweiz ist. Eddy wurde kreidebleich und war zurecht der Meinung, dass es unmöglich wäre in einer so großen Region allen Kindern, die auf die Zahnfee warten, gerecht zu werden. In der Tat war das ein nicht ganz unberechtigter Gedankengang, aber für Zauderei war es jetzt eh zu spät – die Zahnfee musste loslegen.

Es stellte sich heraus, dass die Zahnfee Technologies Eddy freie Hand bei der Beschaffung der Zähne ließ. Im Prinzip kann man sagen, dass die Zahnfee Technologies keine wirkliche Strategie verfolgte und recht unorganisiert war. Kurz gesagt: Es ging es der Firma nur um die Zähne und um nichts anderes. Im Gegenzug stellte sie nur ein sehr kleines Budget zur Verfügung. Eddy grübelte Tagein Tagaus darüber nach, wie er es anstellen würde, mit einem derart begrenzten Budget seine kleinen Schützlinge glücklich zu machen. Ihm wurde schnell klar, dass er dadurch den Kindern teilweise nur ein Dankesschreiben oder einen Plastikring unters Kopfkissen hinlegen können würde. Diesen Einwand ließ die Zahnfee Technologies nicht gelten. Ihr war es egal, wie Eddy an die Zähne herankommt, die Hauptsache war, dass genügend Zähne am Ende des Monats zusammenkamen. Dabei verfolgte ich viele Diskussionen, die Eddy am Telefon mit seinem Zahnfee Direktor hatte. Immer wieder schrie Eddy in die Leitung „Ja, soll ich den Kindern die Zähne ausschlagen, um an weitere zu kommen?“. Hochrot, voller Wut stapfte er dann durch die Wohnung und meckerte in einer Tour herum, dass er den Kindern die Zähne bestimmt nicht ohne Gegenleistung wegnehmen würde – so weit kommt es noch.

Trotzdem machte Eddy sich nicht schlecht als Zahnfee und ging in seinem neuen Job voll auf. Ständig machte er Pläne, wie er den Kindern weitere Geschenke machen könnte, damit sie sich auf die Zahnfee freuen. Er bildete Präsent-Kooperationen und verbesserte dadurch seine Möglichkeiten. Er war viel unterwegs, das war für mich nach 18 Jahren Dauer-Eddy auch ein ganz neues Gefühl. Ich hatte sehr oft sturmfreie Bude. Das war anfangs sehr angenehm, aber mit der Zeit war es schon recht einsam ohne Eddy. Aber wir telefonierten viel und Eddy erzählte mir immer wieder von neugierigen Kindern, die sofort nach dem Aufwachen freudestrahlend unter ihr Kopfkissen schauten. Ja, Eddy war Zahnfee mit Leib und Seele und ich freute mich, dass Eddy so in seinem neuen Job aufging.

Aber dann passierte etwas, das Eddy ziemlich aus der Bahn schleuderte. Er kam mal wieder mitten in der Nacht von einer Zahnfee-Mission zurück, stürmte ins Schlafzimmer und schüttelte mich durch. Ich erschrak derart, dass ich mir fast den Kopf an der Sparlampe wund schlug. Auch der Schlaf sprang explosionsartig aus meinen Augen. Ich war hellwach und derart gut sehen konnte ich noch nie so kurz nach dem Aufwachen. Eddy schaute mich ernst an, atmete schwer und sagte „Ich bin nicht allein. Hörst Du? Ich bin nicht allein!“…

 

In der nächsten Ausgabe der JE Special wird diese Geschichte fortgesetzt.

Lesen Sie dann: „Der Krieg der Feen“