Eddystory


Zahnfee

Eddy und der Krieg der Feen

Rückblick: Eddy unser Maskottchen bei JE Computer hatte nicht mehr so viel zu tun und fühlte sich etwas unterbeschäftigt. Und wer unsere Glühbirne kennt, weiß, dass ihr nichts mehr stinkt, als herumzusitzen und die Zeit totzuschlagen. So trat Eddy eine zusätzliche Stelle als „Zahnfee“ für die Region DACH an, ohne die Arbeitsinhalte genau zu kennen. Nun war Eddy also zuständig für Deutschland, Österreich und der deutschsprachigen Schweiz, um den Kindern den Verlust ihrer Milchzähne zu versüßen. Mit einem sehr überschaubaren Budget war es nicht immer leicht für Eddy, den Kindern ein adäquates Tauschangebot unter das Kopfkissen zu legen. Und eines Tages passierte es, dass Eddy vor einer neuen großen Herausforderung und vor meinem Bett stand…

„Ich bin nicht allein“… brüllte mir Eddy ins Ohr. „Ich bin nicht allein“ brüllte er wieder, weil ich nicht sofort reagierte. Ich träumte gerade einen dieser Träume, von denen Männer angeblich zu 80% träumen und die Worte „Ich bin nicht allein“ passten so überhaupt nicht zu der Szene, die sich in meinen Traumwindungen manifestierte. Des Weiteren passte die Stimme auch nicht zu der Visualisierung und so schreckte ich auf, war plötzlich hellwach und stieß mir zu allem Überfluss auch noch meinen Traumherstellungsapparat – sprich meinen Kopf – an der Nachtischlampe. Eddys Gesicht war nicht mal drei Zentimeter von meinem entfernt und man sah ihm die Panik, gemischt mit Verärgerung, deutlich an. „Natürlich bist Du nicht allein, wir sind hier ja schon mal zwei!“, brummelte ich in Richtung Eddy und dachte dabei an meinen Traum und wie er wohl ausgegangen wäre. Aber dafür war es jetzt zu spät und die Erinnerungen daran verschwammen Sekunde um Sekunde. „Jens, Du machst Dich lustig über mich, dabei gibt es dafür keinen Grund. Tatsache ist, dass es noch eine andere Zahnfee gibt, die parallel zu mir ihr Unwesen treibt“.

Ich stellte fest, dass sich durch Eddys neuen Job auch seine Ausdrucksweise und sprachlicher Horizont verändert hatten. Auf der einen Seite freute mich das, auf der anderen Seite war mir der alte, sprachlich eingeschränkte und besser steuerbare Eddy lieber. In einer kurzen Zusammenfassung erzählte mir Eddy, dass er stets stichprobenartig einige Kinder in der Aufwachphase beobachtete, um zu sehen, ob sie sich über seine Geschenke freuen. Im wirtschaftlichen Jargon würde man das wohl als „ROI – Return on Investment“ bezeichnen. Bei einem seiner Schützlinge fiel ihm dann auf, dass nicht nur ein Geschenk sondern gleich zwei unter dem Kopfkissen hervorgeholt wurden. Ein kleines – budgetbedingt – von Eddy und ein sehr viel größeres Geschenk. Eddys erste Vermutung, dass auch die Eltern etwas zum Verlust des Zahns beigesteuert hatten, erwies sich als unbegründet, denn diese waren von beiden Geschenken sehr überrascht. Natürlich freute sich das Kind, in diesem Fall ein Junge, riesig und spielte auch sofort damit – leider nicht mit Eddys sondern ausschließlich mit dem anderen Geschenk. Eddys Präsent wurde achtlos in die Ecke geworfen. Der Junge flog ausgiebig mit dem riesigen Raumgleiter an der Hand durch das Zimmer – da konnte Eddys lustiges Benjamin-Blümchen Jo-Jo nicht ganz mithalten.

Eddy war außer sich und den Tränen nahe. Er gab sich so viel Mühe, allen Kindern gerecht zu werden und jetzt machte sich plötzlich eine andere Zahnfee in seiner Region breit, die augenscheinlich über weitaus mehr Budget verfügte. Zudem stellte Eddy in Kontrollbesuchen bei anderen Kindern fest, dass die andere Zahnfee nur bei bestimmten Kindern aktiv wurde. Es waren stets Kinder, die finanziell besser gestellt waren und deren Eltern in den verschiedenen Gesellschaftsschichten eine entsprechende Entscheidungsgewalt besaßen. Kinder aus normalen bzw. armen Verhältnissen ließ die Konkurrenz-Zahnfee links liegen. Damit war klar, dass die andere Zahnfee strategisch vorging und etwas im Schilde führte. Mein Gerechtigkeitssinn war geweckt und so passierte das, was passieren musste: Wir zogen in den Krieg, aber nicht irgendeinen. Wir zogen los für die Gerechtigkeit, wie die weißen Ritter gegen die dunkle Bedrohung. Es war soweit: Der Krieg der Feen hatte begonnen. Gut ok, das war etwas dick aufgetragen, aber eins war klar, wir mussten etwas tun…

So standen wir also Sonntag in aller Herrgottsfrühe auf und bereiteten uns auf unseren Einsatz vor. Denn wie Eddy ermittelt hatte, hatte der kleine Junge wieder einen Zahn verloren und Eddy war sich sicher, dass die andere Zahnfee wieder auftauchen würde. Natürlich hatte Eddy trotz allem ein Geschenk als Austausch für den Zahn dabei. Dieses Mal war es ein Biene-Maja Jo-Jo. Meine Frage über welche Anzahl Jo-Jos Eddy denn verfügte, wurde durch einen kurzen Blick in unsere Garage beantwortet – Eddy war wohl einem halben Container Jo-Jos habhaft geworden. Ich kleidete mich komplett schwarz, weil ich der Meinung war, dass das bei Nacht die beste Tarnung ist. Eddy wiederum war der Meinung, dass bei einer solchen Schlacht das richtige Outfit zusätzliche Energien freisetzen würde. Warum er allerdings als Jedi-Ritter mit einem Laserschwert in die Schlacht zog, wird wohl für immer sein Geheimnis bleiben. Ich konnte mir jedenfalls auf unserer Fahrt zu dem Jungen ein permanentes Grinsen nicht verkneifen – Eddy sah einfach zu bescheuert aus. Meine Glühbirne bemerkte das sehr wohl und fuchtelte permanent mit dem Laserschwert vor meiner Nase herum – ein Wunder, dass wir ohne Unfall heil bei dem Jungen ankamen.

Endlich waren wir bei dem Haus, wobei Haus eine maßlose Untertreibung war. Ja, selbst Villa war noch tiefgestapelt, so imposant war dieses riesige Anwesen. So gesehen war mir schon klar, warum der Junge kein großes Interesse an dem Benjamin-Blümchen Jo-Jo hatte, aber ich wagte es nicht, Eddy das mitzuteilen, es hätte ihn nur traurig gemacht. Während ich mir noch Gedanken machte, wie wir geschickt an das Fenster des Jungen im zweiten Stock gelangen könnten, kletterte Eddy schon behände das Fallrohr der Regenrinne herauf und befand sich direkt an der Dachterrasse des Jungen. Man muss schon sagen, der neue Job hat Eddy körperlich sehr gut getan, das musste ich neidlos anerkennen. Eddy schaute erwartungsvoll in meine Richtung. Ein wenig mulmig war mir schon zumute, zumal ich mich nicht erinnern kann, wann ich jemals an einer Regenrinne heraufgeklettert bin. Aber ich wagte es und war voller Zuversicht. Das war allerdings nicht notwendig, denn nach nur vier Metern, rutschte ich ab, wobei die alle 50cm angebrachten Rohrschellen meine Beschleunigung deutlich verlangsamten. Ich schrie vor Schmerzen auf und Eddy zischte „Hast Du eine Vollpanne? Leise, Du musst leise sein“. Am liebsten hätte ich Eddy sein Laserschwert in sein vorlautes Glühbirnenmaul gestopft, aber ich hatte momentan keine Chance, diese impertinente und empathielose Glühbirne zu erreichen. In meiner Familienplanung spielten sich dramatische Szenen ab und die Innenseiten meiner Beine hatten durch die Rohrschellen ein hübsches Tribal-Muster. Da ich mir sicher war, dass diese Narben Bestand haben würden, könnte ich immer noch behaupten, dass ich mir ein Tribal-Tattoo hab entfernen lassen. Immer noch besser als die Wahrheit zu erzählen. Nach nur vier weiteren Versuchen war ich endlich oben auf der Dachterrasse des Jungen.

Meine Güte war das langweilig. Wir saßen am Rand der Dachterrasse und warteten. Eddy hatte natürlich längst sein Jo-Jo unter das Kopfkissen des Jungen gelegt, womit der aufregendste Teil bis zu diesem Zeitpunkt schon erledigt war. Meiner Ansicht nach, hätte er sich das mit dem Jo-Jo zwar sparen können, aber das behielt ich lieber für mich. Wahrscheinlich hatte die andere Zahnfee für den zweiten Zahn längst ein Lamborghini-Kettcar mit Benzinmotor besorgt und der Junge würde morgen früh fröhlich mit diesem Gefährt über Eddys Jo-Jo fahren. Aber das behielt ich lieber für mich. Wir langweilten uns weiter und da der Sonnenaufgang unmittelbar bevorstand, wollten wir die Zelte schon abbrechen. Ich sah schon das enttäuschte Gesicht des Jungen im Geiste vor mir, wenn er nur dieses Biene-Maja Jo-Jo unter seinem Kopfkissen hervorholte und dann hektisch nach einem weiteren Geschenk suchte. Plötzlich sahen wir wie sich eine Gestalt aus dem Badezimmerfenster des Jungen auf das Dach schwang. Unter seinem rechten Arm trug es etwas, was unüberhörbar erstickte Schreie von sich gab.

Plötzlich waren wir hellwach und Eddy sprang mit einem Satz auf das Dach. Während ich noch völlig überrascht war, wie er das angestellt hatte, blieb Eddy mit seinem Laserschwert – sprich mit seiner Neonröhre – an einem Dachziegel hängen. Ich war noch so perplex von der Situation, dass ich, obwohl der Dachziegel wie im Zeitlupentempo auf mich zuflog, nicht etwa den Kopf zur Seite bewegte, sondern den Dachziegel fixierte, der dann mit voller Wucht einschlug. Ich hörte noch wie Eddy die andere Zahnfee anschrie und auch Kampfgeräusche meinte ich zu vernehmen, aber dann wurde alles dunkel – trotz Sonnenaufgang.

Als ich wieder aufwachte blickten mich Eddy und der Junge erwartungsfroh an. Dass ich nass war, verstand sich von selbst, warum Eddy aber die gesamte Regentonne über mich ausschütten musste, war mir gänzlich unklar. So war ich nicht nur benommen, sondern zitterte am gesamten Körper, was bei drei Grad über Null nicht unbedingt überraschend war. Wie sich herausstellte, hatte Eddy die falsche Zahnfee überwältigt, die augenscheinlich den Jungen entführen wollte. Die beiden hatten die falsche Zahnfee kurzerhand in einem Viehtransporter eingesperrt und den Rest würden dann wohl freundliche Helfer aus dem Schlachtbetrieb übernehmen. Hoffen wir das Beste. Der Junge machte sich schnell wieder auf den Weg in sein Zimmer und Eddy war der Meinung, dass meine klaffende Wunde an der Stirn unbedingt genäht werden müsste.

So warteten wir also in der Notaufnahme im nahegelegenen Krankenhaus auf die Erste Hilfe und wer dort schon mal war, weiß, dass man im Zweifelsfall verblutet ist, bevor sich jemand erbarmt. Nach immerhin zwei Stunden waren wir endlich an der Reihe. Meinen Hinweis, ob ich nicht eine Blutkonserve benötigen würde, tat der Arzt mit einem spöttischen Grinsen ab und griff beherzt zu seinem Nähzeug. Während mir jeder Stich unglaubliche Schmerzen bereitete, fragte mich dieser Eid-des-Hippokrates abschwörende Arzt doch noch verständnisvoll geheuchelt wie das passiert sei. Ich entschied mich nicht für die Wahrheit und erzählte ihm, dass ich Reparaturarbeiten an der Dachrinne habe vornehmen wollen. Es kam noch ein kurzes gebrummeltes „Hätten Sie mal einem Profi überlassen sollen“ und dann war die Stecherei beendet. „Fäden ziehen in einer Woche und alles was nicht tötet härtet ab“, waren die letzten Worte, dann war der Arzt schon wieder weg und ich war alleine mit Eddy. Eigentlich hatte ich richtig Lust, diesem überheblichen Arzt hinterherzueilen und ihm zu erzählen, dass wir die Welt gerade vor einer bösen Zahnfee gerettet haben. Allerdings hatte zum einen Eddy das bewerkstelligt und zum anderen konnte ich mir den Blick des Arztes bei dieser Aussage durchaus vorstellen. Am Ende wäre ich wahrscheinlich noch in der Geschlossenen gelandet und hätte die nächsten Jahre davon gefaselt, dass die böse Zahnfee uns eines Tages alle heimsuchen wird. Nein danke, da blieb ich lieber bei der Lüge.

Als wir das Krankenhaus gerade verlassen wollten, stand plötzlich der Junge mit seinem Vater am Ausgang. Mir blieb fast die Spucke weg, denn der Vater war nicht irgendwer, nein, der war echt berühmt. Aus Gründen der Diskretion möchte ich hier keine Namen nennen, aber ich gebe zu, dass mich sein Anblick wirklich sprachlos machte. Der Vater schaute in unsere Richtung und sagte „Ich weiß zwar nicht genau, warum und weshalb mein Junge so begeistert von Euch Beiden ist, aber er sagte mir, dass er ohne Euch in Zukunft Angst haben würde, einen Milchzahn zu verlieren. Und da mir nichts mehr am Herzen liegt, als das Seelenheil meines Jungen, wollte ich Euch etwas überreichen“. Dann schenkte er uns einen Gutschein für eine Woche Luxusurlaub in Florida inkl. 7-Tages-Pass für Disneyland, Universal-Studios und was da sonst noch so an Parks ansässig ist. Außerdem natürlich einen Erste-Klasse-Flug und Vollverpflegung. Ich war so perplex und gerührt, dass ich überhaupt nicht reagieren konnte. Das übernahm Eddy für mich, der die Beiden überschwänglich umarmte und sich derart herzlich bedankte, dass mein dahingemurmeltes „Danke“ schon etwas undankbar wirkte.

Während Vater und Sohn zum Auto eilten, spielte der Junge unaufhörlich mit dem Biene-Maja und Benjamin-Blümchen Jo-Jo. Ich meinte leise zu Eddy „Weißt Du eigentlich, wer das war?“. Eddy schüttelte nur den Kopf und meinte, dass das ja wohl egal sei und er sich auf die Reise freuen würde. Recht hat er, dachte ich bei mir. Im Endeffekt ist das ja auch nicht wichtig. Am Ende ist es einfach nur ein Papa, der seinen Sohn liebt und im Zweifelsfall alles für ihn tut. Und Zuneigung kann man sich eh nicht mit Geld erkaufen, die ist entweder da oder auch nicht. Ich musste zugeben, dass mich die Szene berührte und auch einige Vorurteile abbaute, während Eddy einfach nur voller Freude die beiden Gutscheine betrachtete. Ich schaute zu Eddy und meinte, dass er natürlich entscheiden könne, wen er mitnehmen wolle, ich mich aber freuen würde, wenn ich in die engere Wahl kommen würde. Eddy zwinkerte mir nur zu und meinte „Hey, so viel Auswahl hab ich ja nun auch wieder nicht und wer bitteschön hält es denn eine Woche 24 Stunden mit einer Glühbirne aus?“.

Und da soll noch mal einer sagen, dass es sich nicht lohnen würde, eine Zahnfee zu sein…