Eddystory


 

Eddy und die Glühbirnengrippe

Wegweisereddy

 

Man, war das ein Winter. Man, war der lang. Man, war der kalt. Und Frau, hat die gefroren. Ich kann mich jedenfalls nicht erinnern, dass wir jemals im April so viel Schnee hatten. Man hatte ja wirklich das Gefühl, dass sich die Erdachse verschoben hat und Berlin plötzlich sibirische Verhältnisse bekommt. Ich würde mich auch nicht wundern, wenn wir uns hier demnächst an die Mitternachtssonne gewöhnen müssen und dafür im Gegenzug im Winter die Sonne nicht mehr aufgeht. Wie dem auch sei, der Winter scheint sich langsam dem Ende zu nähern und es bleibt zu hoffen, dass der Mai uns nicht mit einem plötzlichen Kälteeinbruch überrascht. Ich freue mich jetzt schon auf die nächste Heizkostenabrechnung und hole vorsichtshalber genug Dosennahrung, für die Zeit nach der Abrechnung – die wird hart, sehr hart.

Aber dieser endlos lange Winter war ja nicht das einzige Problem. Kranke Menschen wohin man schaute. Halb Berlin und Brandenburg lagen quasi dauerhaft flach und eine Schrippe zu kaufen glich einem viralen Selbstmordkommando. Man konnte diesen Minibiestern auch nicht entkommen, ob nun in der U-Bahn, im Bus, im Café oder wo auch immer: Ständig war man von hustenden und schniefenden Bazillenträgern umgeben. Nun gehöre ich eigentlich nicht zu der Sorte Mensch, die panische Angst vor Infektionen hat. Aber in diesem Winter wurde selbst meine angeborene Virentoleranz hart auf die Probe gestellt. Im März war ich dann schon so weit, dass ich dem DHL-Fahrer, Pizzaservice oder Hausmeister nur noch mit angeflanschtem Mundschutz aus der Asservatenkammer die Tür geöffnet habe. Natürlich habe ich mir noch einen Spezialtunnel gebaut, durch den jeder Besucher kriechen musste – erst dann war ich mir zu 99% sicher, dass dieser Gast keine schädlichen Kleinteile in die Wohnung schleppt. Allerdings hatte ich nicht mit der Spießigkeit meiner Hausverwaltung gerechnet. Die teilten mir doch in einem formlosen Schreiben ohne Unterschrift (was natürlich auch ohne gültig ist) mit, dass ein solcher Tunnel sich nicht mit meinem Mietvertrag decken würde. Pah. Erstens habe ich in meinem 132seitigen Mietvertrag einen solchen Passus nicht entdecken können und zweitens fand ich im Internet schnell einen Anwalt mit Virenphobie der seitdem recht erfolgreich gegen meine Hausverwaltung kämpft.

Meine neu entdeckte Angst vor Bakterien und Viren machte allerdings auch vor Eddy nicht Halt und so passierte, was passieren musste:

Eddy ging es schlecht, sehr schlecht. Zumindest war er der Meinung. Denn jeden Tag entdeckt er neue Ungereimtheiten an seinem – meiner Meinung nach - makellosen Glühbirnenkorpus. Mal waren da angeblich kleine helle Punkte. Mal waren da seiner Meinung nach kleine dunkle Punkte. Und mal waren da überhaupt keine Punkte, was ihn interessanterweise noch mehr beunruhigte. Mein Hinweis, dass ein Wolframdraht durchaus nicht gleichmäßig leuchtet, tat er nur mit einem „Pah, als wenn Du Dich mit Glühbirnen auskennen würdest“, ab. Nein, Eddy war der Meinung, dass er die hochgefährliche Glühbirnengrippe W5L1 hat – wobei W für Wolfram, die 5 für die Kontinente und L für Lux steht. Die Zahl 1, weil es die erste, Glühbirnengrippe 1.0, ist. Auch mein Hinweis, dass ich a) noch nie von einer Glühbirnengrippe gehört habe und b) selbst wenn es die geben würde, sich am Ende z.B. die Schweinegrippe auch als harmloser als die echte Grippe herausgestellt hat, konnte Eddy nicht beruhigen. Ganz im Gegenteil führten meine Argumente doch dazu, dass er sich nur noch mehr hineinsteigerte, da er felsenfest davon überzeugt war, dass sein Ende naht und ich ihn nur in Sicherheit wiegen möchte, damit er noch ein paar schöne Leuchttage hat.

Natürlich kümmerte er sich in unserer Wohnung auch um seine Artgenossen. Jede Glühbirne wurde sorgfältig und langsam aus der Fassung gedreht und minutenlang mit Sagrotan gereinigt. Danach wurde mit – natürlich vorher gereinigter – UV-Lampe nach schädlichen Keimen Ausschau gehalten. Jedes kleinste Flackern einer Glühbirne wurde durch lautes Wehklagen seitens Eddy begleitet. Ja, Eddy war total in seinem Element. Selbst mein Auto musste daran glauben. Ich dachte echt, mich laust die Glühbirne, als ich eines Abends nach Hause kam und sah wie Eddy mein gesamtes Fahrzeug auseinandergenommen hatte, um die schädlichen Viren aus dem Fahrzeuginneren zu eliminieren. Das Armaturenbrett lag in seine Einzelteile im Hof verstreut und sämtliche Glühbirnen waren fein säuberlich zum Trocknen in die Sonne gelegt worden. Wutentbrannt rannte ich zu Eddy und schnaubte „Deine komische Glühbirnengrippe ist in wenigen Sekunden Dein kleinstes Problem, wenn der Wagen nicht in spätestens 30 Minuten seinen Ursprungszustand hat“. Das saß. Eddy beeilte sich mit seiner Pandemie-Begrenzung an meinem Auto und 30 Minuten später war alles wieder eingebaut. Vielleicht hätte ich ihm mehr Zeit geben sollen. Ja, ich bin mir sicher, ich hätte ihm mehr Zeit geben sollen. Tacho und Drehzahlmesser stehen seitdem auf dem Kopf (sehr schwer die korrekte Geschwindigkeit einzuschätzen), im Innenraum habe ich jetzt Xenon-Licht, dafür ist jetzt das rechte vordere Fernlicht sehr schwach. Wenn ich blinke, geht das Abblendlicht aus, dafür geht der Xenon-Strahler innen an, was dazu führte, dass ich die Straße dann nicht mehr sehe und letztens fast gegen ein Einhorn gefahren bin (jedenfalls hatte ich total geblendet diese Vision). Wenn ich bremse geschieht was ganz merkwürdiges: Sämtliche Glühbirnen leuchten hintereinander im Takt zu unhörbarer Musik – der Wagen sieht dann aus, als hätte ihn ein amerikanischer Weihnachtsfetischist präpariert. In drei Wochen habe ich einen Gerichtstermin, weil sich doch tatsächlich 10 Autofahrer auf der A100 derart kollektiv erschrocken hatten, dass sie Gas mit Bremse verwechselten und sich dann gemeinsam in der Mitte trafen – zu dumm.

Mir war klar, dass sich etwas ändern musste. Ich wusste natürlich, dass Eddy sich hat anstecken lassen von meiner Virenphobie und ich hoffte, dass es noch nicht zu spät war. Ich musste etwas tun. Aber vorher gönnte ich mir noch einen kleinen Spaß. Eines Abends drehte ich die Sicherung heraus, schrie wie am Spieß und rannte hin und her. Lustig, Eddy tat genau dasselbe, wobei er das noch mit Worten untermalte „Ich will nicht sterben, noch nicht. Wir müssen ein Heilmittel finden, bevor es zu spät ist. Die Pandemie ist da, bald gibt es keine Glühbirnen mehr“. Ach ja… Hilfe schrie er auch noch. OK, war vielleicht nicht so nett, aber ich hatte meinen Spaß. Nur 30 Minuten später drehte ich die Sicherung ja auch wieder in die Fassung. Nur drei Minuten später prügelte Eddy auf mich ein. Dass Glühbirnen immer so nachtragend sein müssen.

Jedenfalls wollte ich mit leuchtendem Beispiel vorangehen, um Eddy von seiner Virenphobie zu befreien. Ich schüttelte demonstrativ jedem die Hand, wühlte stundenlang im Supermarkt die Regale durch und fasste in den öffentlichen Verkehrsmitteln jede Stange, jeden Sitz und jede Tür intensiv an. Danach ließ ich es mir nicht nehmen, demonstrativ durch mein Gesicht zu gehen, um Eddy zu zeigen, dass man wirklich keine Angst haben muss. Selbst in der Arztpraxis schüttelte ich jedem, egal wie stark er hustete, die Hand. Eddys Licht wurde immer aschfahl, wenn ich das tat. Ich jedenfalls war geheilt und Viren und Bakterien hatten ihren Schrecken verloren. Jede Großveranstaltung machte mir plötzlich wieder Freude und bei Hertha saß ich mich demonstrativ zu den Fans, die besonders intensiv schnieften und husteten. Manchmal erwischte ich mich dabei, wie ich extra in eine Nieswolke hüpfte, um auch ja genug abzubekommen. Herrlich, wenn man sich keine Sorgen machen muss. Selbst der DHL-Fahrer war von meiner Renitenz gegen Viren beeindruckt. Als er mir ein Paket lieferte und ich sah, dass er ziemlich erkältet war, umarmte ich ihn nur noch heftiger, wünschte ihm alles Gute und meinte, dass er, krank wie er ist, jederzeit gerne vorbeikommen könne. Ich habe ihn seitdem nicht mehr gesehen – ich glaube, er denkt, dass ich einer Sekte beigetreten bin.

Aber es half: Eddys Phobie war auf dem Rückmarsch und so langsam traute er sich auch wieder die Wohnung zu verlassen. Am Anfang waren es zaghafte Versuche, aber nach ein paar Tagen sprang er schon wieder im Supermarkt herum, ohne die anderen Glühbirnen mit Argusaugen zu beobachten. Wir hatten es fast geschafft. Dann wurde ich krank, sehr krank. Ich hatte noch nie in meinem Leben eine solche Grippe bekommen. Ich konnte mich nicht bewegen und ich hatte das Gefühl, dass sämtliche Gliedmaßen in Eisenketten gelegt wurden. Vielleicht hätte ich doch nicht in diese Nieswolke springen sollen. Aber es war zu spät.

Jetzt liege ich hier brach mit knapp 40 Grad Fieber und Schüttelfrost in der Bude und schreibe diesen Text. Ich halluziniere schon und weiß ehrlich gesagt nicht, ob ich diese anbahnende Pandemie überlebe. Ich denke, ich bin das erste Opfer eines unbekannten Grippevirus. Ich werde in die Geschichte eingehen. Aber das wird nichts bringen, weil die Menschheit an diesem Virus zugrunde gehen wird. Und ich bin der erste. Ich wusste es. Ich will nicht. Ich will nur wieder gesund werden. Ich muss an einem Impfstoff arbeiten. Wo ist eigentlich mein Assistent Eddy? Ah ein Zettel… „Bin auf Erholungsurlaub in der Antarktis – sehr kalt, sehr weit weg und keine Viren. Liebe Grüße, Kussi auf Bauch und gute Besserung, Dein Eddy!“.